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am 16. April

Warten oder Handeln? Corona - eine Chance für die Umwelt

Friedrich Wegenstein - über alte und neue Normalitäten...

Warten oder Handeln?

Corona: Eine Chance für unsere Umwelt

​2013 hat der Deutsche Bundestag eine Sars-Corona Pandemie simuliert. 2015 meinte Bill Gates, dass die nächste Gefährdung nicht von Kriegen sondern einer Pandemie ausginge, auf die wir nicht vorbereitet sind. 2016 erschien eine Forschungsarbeit die eine perfekte Beschreibung dessen lieferte, was wir derzeit erleben. Im März 2019 kündigte eine chinesische Studie eine bevorstehende Corona Pandemie an (Quelle: Prof. Dr. Vogt, Die Mittelländische Zeitung, Schweiz, 7.4.2020​).

Die tatsächliche Corona-Pandemie hat irgendwann im Dezember 2019 in China begonnen. Anfängliche Meldungen über eine neue Lungenkrankheit wurden vom Regime unterdrückt. Am 29. Dezember waren 59 Menschen in der Chinesischen Stadt Wuhan an einer neuartigen Lungenentzündung erkrankt. Fast ein Monat später, am 23.1.2020 meldete die internationale Presse den Lockdown der Stadt Wuhan. Zu dieser Zeit sprach man in Europa noch von einem „geringen Gesundheitsrisiko“. Am 30.1.2020 erklärte die WHO die „Internationale Gesundheitsnotlage“ und am 11.3.2020 die bisherige Epidemie zur Pandemie. In China gab es am 31.1.2020 bereits offiziell 11.289 infizierte Personen. In Italien waren es am 10.3.2020 bereits 10.149 Infektionen (Zahlen: https://www.worldometers.info/coronavirus/​​).

Der Skiort Ischgl wurde am 13.3. 2020 unter Quarantäne gestellt, nachdem Island Ischgl bereits am 6.3.2020 zum Gefahrengebiet erklärt hatte. Der Kurier veröffentlichte am 20.3.2020 folgendes SMS: „sperre Deine Kitz Bar zu – oder willst Du schuld am Ende der Saison in Ischgl u eventuell Tirol sein“ schrieb Hr. Hörl, Sprecher der Tiroler und der Österreichischen Seilbahnwirtschaft am 9. März an den Wirt des „Kitzloch“ in Ischgl. Inzwischen hatten sich dort bereit hunderte Skitouristen mit dem Corona Virus infiziert. Am 3.3.2020 gab es in China bereits offiziell 2.981 Tote. Man wusste also worum es ging.

​Wenn sich nun heute viele Menschen die bisherige Normalität zurückwüschen, dann
muss man sich fragen, ob wir genau diese Normalität, die uns in diese Situation gebracht hat, wirklich zurück haben wollen?

Die Wirtschaft dominiert vitale Lebensinteressen

Vermutlich gibt es unzählige derartige Beispiele. Sie zeigen das gleiche Muster: Die ersten Anzeichen (Infektionen) tauchen auf, werden verschwiegen und vertuscht. Das Motiv ist die Wirtschaft: Sie darf nicht gestört werden, die Umsätze sollen sich möglich ungehindert fortsetzen können. Solange es irgendwie geht, so lange man es abstreiten und herunterspielen kann, so lange muss Geld verdient werden. Klingt in manchen Ohren vielleicht harmlos, aber in Wirklichkeit ist es ungeheuerlich: Das Leben von Menschen wird der Wirtschaft geopfert.

Mit unglaubliche Brutalität hat dies der Gouverneur von Texas Dan Patrick in Fox News am 24.3.2020 formuliert: „Die Großeltern würden gerne sterben um die Wirtschaft für ihre Enkel zu schützen (grandparents would be willing to die to save the econonomy for their grandchildren)“.

Diese Ungeheuerlichkeit ist leider nicht neu: Alle Bemühungen den Umweltschutz voran zu bringen, werden von Staat und Wirtschaft so lange wie möglich klein gehalten. Auch hier gilt es den Gewinn der Wirtschaft möglichst lange in größtmöglicher Höhe zu sichern und nur jene Umweltauflagen zuzulassen, die mit Abstreiten und Kleinreden der Gefährdung nicht mehr weg zu diskutieren sind.

Die Firmen Exxon, Shell und Chevron wussten sein dem Jahr 1957 (!), dass das Verbrennen fossiler Brennstoffe das Klima verändert (Quelle: ARD, Tagesschau24 vom. 6.1.2019).

Wie alt ist die Diskussion um die industrielle Landwirtschaft und dem Einsatz von Pestiziden?

Das Buch „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome wurde im Jahr 1972, also vor 48 Jahren, veröffentlicht. Die erste Klimakonferenz fand vor 28 Jahren, im Jahr 1992 in Rio de Janeiro statt.

Obwohl es um den höchstmöglichen Einsatz – unsere Lebensgrundlagen – geht, scheint niemand Eile zu haben? Auch der aktuelle Streit welches Szenario nun zutreffender sei und ob die CO2 Neutralität 2030, 2040 oder 2050 erreicht werden muss, zeigt, dass der Ernst der Lage scheinbar noch immer nicht erkannt wird und lieber gestritten und Zeit verloren wird, anstelle rasch zu handeln. Ein derartiges Verhalten ist nur dann plausibel, wenn man die Gefährdung ignoriert oder den Wert des menschlichen Lebens bewusst vernachlässigt.

Wann immer menschliches Leben oder gar jenes unserer Kinder und Enkel gefährdet sind, ist es doch selbstverständlich jede Gefährdung so rasch und so konsequent wie möglich auszuschalten. Tatsächlich muss menschliches Leben andauernd dagegen ankämpfen, gegenüber der Wirtschaft nicht unterzugehen und zweitrangig zu sein. Dabei stehen doch auf beiden Seiten Menschen? Die Parallele zum Verhalten in der Zeit bevor die Corona-Pandemie nicht mehr zu verleugnen war, ist augenscheinlich.

​In unsere bisherige Normalität wurde das menschliche Leben gegenüber der Wirtschaft als zweitrangig betrachtet.

Jeder kann ein Täter sein

Durch die Ausgangsbeschränkungen anlässlich der Corona-Pandemie wird uns vor Augen geführt, dass die soziale Distanz nicht nur eigenen Schutz sondern auch Schutz für den Anderen bedeutet. Der dieser Tage oft verwendete Begriff der sog. „Herdenimmunität“ eröffnet einen bisher fast in Vergessenheit geratenen Aspekt des menschlichen Lebens: Der Mensch ist Teil eines Kollektivs, der „Herde“, in der jedes Mitglied freiwillig oder unfreiwillig mit entscheidet, wie es dieser Herde und damit auch jedem Einzelnen geht. Durch die Ausgangsbeschränkungen wird die Individualität plötzlich in Schranken verwiesen, um die Herde vor Schaden zu bewahren.

Der soziale Abstand wird zum Ausdruck der Rücksichtnahme, Kinder und Enkel gehen für Großeltern einkaufen, Nachbarn rufen sich an und fragen ob der Andere Hilfe braucht, Ressourcen werden soweit notwendig geteilt – die Krise macht die Gemeinschaft als lebensbestimmenden Ort bewusst.

Herdenimmunität liegt vor, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen gegen einen Krankheitserreger immun ist und sich der Erreger in dieser Herde nur mehr schwer oder gar nicht verbreiten kann. Die Herde entscheidet daher mit ihrer Immunität wie groß das Infektionsrisiko des Einzelnen ausfällt.

Das mag unangenehm klingen, wo wir doch so stolz auf unsere Individualität sind und diese nur äußerst ungern begrenzen lassen. Doch bereits bei kurzem Nachdenken wird klar, dass die Kultur, die Umwelt, der Wohlstand, die Gesundheitsversorgung, die Schulen etc. ganz wesentlich unser Leben bestimmen. Die Gemeinschaft, die Herde, hat lange bevor wir geboren wurden damit begonnen jenes für uns lebensbestimmende Umfeld zu schaffen und hört nie auf dieses weiter zu entwickeln. Das Kollektiv begrenzt und begünstigt die Individualität des Menschen gleichzeitig.

Bisher verstand sich das Individuum als Opfer gegenüber einer übermächtigen Gesellschaft. Aus der Sicht der Herde dreht sich die Opferrolle nun in eine Täterrolle: Das nicht immune Individuum wird zum möglichen Infektionsträger, zum „Gefährder“, zum Täter, für die Herde.

Wie beim Autofahren neigen wir dazu, vorzugsweise die Anderen als schlechte Autofahrer, sich selbst dagegen als guten Autofahrer darzustellen. Es ist vielleicht ein unangenehmer aber wichtiger, weil realitätsbezogener Gedankengang, auch sich selber als Gefährder, als Täter zu verstehen!

Die gleiche Ausgangslage besteht beim Schutz bzw. der Zerstörung unsere Umwelt! Nahezu alle verstehen sich bei Umwelt und Klimakrise als Opfer ohne zu erkennen, dass sie in Wirklichkeit auch Täter sind.

Es ist unsere, individuelle Entscheidung, ob man das Licht oder ein Gerät ein- und ausschaltet, welches und ob man überhaupt ein Verkehrsmittel benutzt, was und wo man einkauft, was man wegwirft oder vielleicht repariert, wie man seine Freizeit gestaltet … und so vieles mehr. Jede dieser Entscheidungen ist eine Tat, die dafür verantwortlich ist, ob daraus große, kleine oder gar keine Umweltauswirkungen entstehen. Wenn wir die schlechte Luft in den Städten sehen, wenn die Trockenheit oder Überschwemmung die Vegetation zerstören, sind wir sicher Opfer der Umweltzerstörung zu sein, aber z.B. mit unserem Energieverbrauch und unserem Konsumverhalten ist jeder von uns ist ein tätig werdender Verursacher.

Wir wollen überall hinreisen können, wir wollen Waren aus allen Ländern jederzeit und überall kaufen können – dazu braucht man globale Verkehrswege. Es sind aber genau diese weltumspannenden Verkehrswege, die dem Individuum ermöglichen als Krankheitsüberträger die Herde der gesamten Menschheit zu gefährden und den Virus in alle Länder der Welt zu verbreiten.

​Unsere bisherige Normalität bestand darin, die Individualität vor die Gemeinschaft zu stellen. Dabei haben wir uns gerne als Opfer gesehen und uns die Verantwortung für unsere Taten viel zu wenig bewusst gemacht.

Die Erfahrung der Begrenztheit

Unser tägliches Leben wurde durch Ausgangsbeschränkungen begrenzt. Die Güter des täglichen Bedarfs sind nicht immer verfügbar. Das Geld wird knapp bzw. man weiß nicht, wie lange man damit auskommen muss. Die Zukunft wird schlagartig ungewiss. Das Einkaufen wird Gegenstand logistischer Überlegungen, Vorräte werden geprüft, geplant und eingeteilt, die Häufigkeit und der Umfang der Einkäufe wird dem angepasst. Auch in den Läden ist nicht immer alles verfügbar und es gilt der Knappheit mit Sparsamkeit und Planung zu begegnen. Die Selbstverständlichkeit, die Leichtigkeit aber auch die Unüberlegtheit des immer und überall Verfügbaren, geht verloren.

Viele meinen im Online-Handel einen Ausweg gefunden zu haben, der noch immer die Illusion der unbegrenzten Verfügbarkeit aufrechterhält. Aber internationale Online-Händler zerstören die lokalen Strukturen. Die Pandemie ist auch mit einem Wirtschaftseinbruch verbunden, der die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schnellen und die Einkommen vieler Menschen sinken lässt.

Die Bedrohung durch Cov19 stellt für viele Menschen eine existenzielle Herausforderung dar. Je größer die erkannte Gefahr, desto mehr kommt Angst ins Spiel. Der Ablauf, beginnend mit dem Nicht-Wahrnehmen-Wollen, In-Abrede-Stellen, Resignieren und schließlich dann doch Akzeptieren zeigt deutlich, wie Menschen sich abmühen, plötzliche und noch dazu bedrohliche, Änderungen sachlich zu verarbeiten.

Für viele ist es die erste hautnahe Erfahrung mit einer Bedrohlichkeit, die bisher durch die bunte Welt des Konsums und die Unbeschwertheit beim Verbrauch von Ressourcen gänzlich aus ihrem Blickwinkel verdrängt wurde. Die großen Überschwemmungen, Hurrikans, Waldbrände etc. kannten die meisten bisher nur aus den Medien.

Die Klimakrise und die Zerstörung von Flora und Fauna ist eine Gefahr die uns in ihrer vollen Wirksamkeit erst bevorsteht. Viele glauben noch mit dem Nicht-Wahrnehmen-Wollen und In-Abrede-Stellen durchzukommen. Die Erfahrung der unmittelbar durch Trockenheit, Überschwemmung, Stürme, Nahrungsmittelunsicherheit etc. real betroffen zu sein, ist zu erschreckend um sachlich zur Kenntnis genommen zu werden.

Eine Pandemie ist, sobald sie ausgebrochen ist, nur mehr mit radikalen Einschränkungen des Lebens zu beherrschen. Beim Klimawandel haben wir dagegen noch Chancen aktiv einzugreifen und schlimmeres abzuwenden. Wir können die Erfahrung der Corona-Pandemie, die Erfahrung der Selbstbeschränkung, der Sparsamkeit, der Minimierung des Ressourcenverbrauches, der Rücksichtnahme mitnehmen. Die Corona-Krise kann uns helfen die Knappheit als Wesen des begrenzten Lebensraumes Erde zu akzeptieren und unseren Lebensstil zu ändern.

Die Corona-Krise kann für uns jenen Lernprozess bedeuten, den wir brauchen um die Klimakrise zu meistern. Die Pandemie, wie die Klimakrise, zwingt uns die Grenzen unseres Lebensstils zu erkennen und die Verantwortung zur Bewahrung unseres Lebensraumes für unsere Kinder und Kindeskinder zu übernehmen.

Knappheit ist eine natürliche Gegebenheit, vor allem wenn wir diesen Lebensraum mit allen Menschen teilen wollen. Die Situation gleicht dem Leben auf einem Schiff, in dem der Platz knapp, Vorräte angelegt und die Versorgung geplant werden muss. Unsere Erde ist ebenso ein großes Schiff. Wir müssen unseren Verbrauch, unseren Lebensstil der Kapazität dieser Erde anpassen. Derzeit entspricht der Durchschnittsverbrauch der reichen Staaten ungefähr dem 4 bis 8-Fachen der Kapazität der Erde. Global verbrauchen wir die Ressourcen von ca. 1,7 Erden im Jahr.

Unser Lebensraum ist nicht nur während einer Pandemie sondern grundsätzlich immer beschränkt. Unsere bisherige Normalität bestand allerdings für viele im Überfluss und einer irreal unbeschränkten Verfügbarkeit von Gütern aller Art. 

Unsere Erwartung an die sog. Normalität ist entscheidend für das Leben, welches wir in Zukunft führen werden. Normalitäten verändern sich. Manchmal werden sie uns aufgezwungen. Dies ist immer ein Zeichen dafür, dass wir nicht zeitgerecht reagiert haben.

Dies gilt nicht nur für die Corona-Pandemie sondern ebenso für die Klimakrise und für jedes andere Thema wie Umweltverschmutzung, Bodenerosion, Wasserknappheit … ebenso.

Wir haben immer die Wahl zu reagieren oder zuzuwarten! Die Folgen des Zuwartens kann nun jeder in der Corona-Krise vor allem in jenen Staaten die spät reagiert haben mitverfolgen.