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am 18. März

Heide: Pfeifen wir drauf oder was ist da los?

- Die Perchtoldsdorfer Heide ist ein Naturjuwel. Mit etwa 160.000 BesucherInnen pro Jahr ist sie nicht nur für Erholungssuchende ein gerne aufgesuchter Ort, sondern sie ist auch ein einzigartiges Rückzugsgebiet für bedrohte und geschützte Tier- und Pflanzenarten.

Das heißt ganz und gar nicht, dass sie sich selbst überlassen werden kann. Im Gegenteil: dieses Trockenrasengebiet ist durch Beweidung in früheren Jahrhunderten entstanden und die Tier- und Pflanzenwelt hat sich an diese Gegebenheiten angepasst. Um diesen Zustand aufrecht zu erhalten sind intensive Pflegemaßnahmen erforderlich, die von der Gemeinde und hauptsächlich vom Heideverein meist ehrenamtlich erbracht wurden und werden.​

Massenblüte von Laucharten c Irene Drozdowski

Bei der Gemeinderatssitzung am 21.3.2018 sollen nun zwei Anträge behandelt werden, die die bisherigen Bemühungen arg in Frage stellen, wenn nicht gar ad absurdum führen.

Der eine betrifft die Aufhebung der von der Gemeinde erlassenen sogenannten Leinenzwangverordnung. Diese wurde am 29.9.2005 unter Top 11 einstimmig beschlossen und es heißt dort eindeutig: „Auf der gesamten Perchtoldsdorfer Heide, welche sowohl die kleine als auch die große Heide umfasst sind Hunde an der Leine zu halten.“ Am 14.12.2016 wurde unter Top 22 einstimmig die Adaptierung aufgrund einer Novelle zum Verwaltungsstrafgesetz beschlossen und somit der Leinenzwang bekräftigt.

Diese neu gefasste Verordnung wurde offenbar am 8.1.2018 zur Überprüfung ans Land geschickt. Die zuständige Stelle hat dann mit Schreiben vom 18.1.2018 festgestellt, dass der Gegenstand ohnehin im NÖ Hundehaltegesetz geregelt, der Regelungsinhalt des § 8 ausreichend sei und empfiehlt die Verordnung zur Gänze aufzuheben.

Im § 8 (3) des NÖ Hundehaltegesetzes heißt es aber: An den „genannten Orten müssen Hunde an der Leine oder mit Maulkorb geführt werden.“

Die Aufsichtsbehörde schreibt aber auch im selben Schreiben: „Zur Voraussetzung des Missstandes ist darüber hinaus festzuhalten, dass den vorgelegten Unterlagen, insbesondere dem Antrag, keine bestehenden oder unmittelbar zu erwartenden, das örtliche Gemeinschaftsleben störende, Missstände entnommen werden können, die das Erlassen einer ortspolizeilichen Verordnung grundsätzlich rechtfertigen würden.“

Offenbar hat man „vergessen“, die Argumente, die den Leinenzwang rechtfertigen, zur Überprüfung und Beurteilung mitzuschicken. Und davon gibt es aber jede Menge. Zum Beispiel kommt die Zieselkolonie durch frei laufende Hunde stark unter Druck. Dem Hund ist es egal, ob er einen Maulkorb trägt, er wühlt trotzdem den geflüchteten Zieseln in ihre Bauten nach. Der Bestand ist ohnehin schon stark gefährdet und soll durch ein erst am 7.3.2018 im Gemeindevorstand beschlossenes Revitalisierungsprogramm überlebensfähig gemacht werden. 

Die Aufhebung des Leinenzwangs würde das völlig konterkarieren. Für das Europäische Ziesel gibt es darüber hinaus eine EU-prioritäre, internationale Schutzverpflichtung. Aber es sind auch andere Tierarten von freilaufenden Hunden bedroht, wie zB Feldhase, Smaragdeidechse, Schlingnatter, Äskulapnatter und Wachtel. Auf und rund um die Heide sind auch zahlreiche Rehe mit ihren Kitzen unterwegs, die durch nachstellende Hunde – egal ob mit Maulkorb oder nicht – zumindest unter Stress geraten. Und wir reden hier nicht von ein paar vereinzelten Hunden, an Spitzentagen wurden auf der Heide schon bis zu 400 Hunde gezählt.

Ein weitere Bespiel betrifft die Beweidung. Um das Trockenrasengebiet zu erhalten, ist die regelmäßige Beweidung erforderlich. Diese wird seit etlichen Jahren bewährterweise durch Schafherden erledigt. Es kann sich jeder ausmalen, welche Wirkung frei laufende Hunde auf eine Schafherde haben. Wenn diese in Panik gerät, ist auch der Elektrozaun kein großes Hindernis mehr und der Schäfer ist immer wieder gefordert, die versprengten Schafe wieder einzusammeln. Ein Mehraufwand, der nicht abgegolten wird und die wirtschaftliche Situation des Schäfers in Frage stellt.

Damit sind wir beim zweiten zu behandelnden Antrag. Hier geht es um die Aufhebung des Pachtvertrags zur Beweidung des Trockenrasens am Hochberg. Als Begründung steht im Sachverhalt lapidar: „Da eine weitere Verlängerung der Beweidungsmaßnahmen auf den gegenständlichen Flächen von der Marktgemeinde Perchtoldsdorf als Verpächterin nicht angestrebt wird und dies dem Pächter auch rechtzeitig mitgeteilt wurde, soll der Pachtvertrag zum ultimo 30.6.2020 in offener Frist gekündigt werden.“ Da stellt sich zuerst einmal die Frage: Wann hat der Gemeinderat beschlossen, die Beweidung einzustellen? Wo doch alle wissen sollten, dass ein Trockenrasen nur durch Beweidung sinnvoll erhalten werden kann. Es gibt sogar ein vom Land NÖ mit dem Schöffelpreis ausgezeichnetes Buch „Perchtoldsdorf Natur“, wo nachvollziehbar die Bedeutung der Beweidung von Trockenrasenflächen nachgelesen werden kann. Auch auf der Homepage des Heidevereins ist sehr anschaulich dargestellt, warum die Beweidung notwendig ist​.

Der Hochberg ist zudem seit 1968 ein Naturdenkmal, das gewisse Erhaltungsmaßnahmen, wie eben die regelmäßige Beweidung erforderlich, macht. Es müsste also mit Kündigung des bestehenden Pachtvertrags mit Ende 2020 zumindest eine Anschlussregelung für die Pflege ab 2021 getroffen werden. Das ist aber nicht der Fall. Will man die bisher getätigten Investitionen und die viele ehrenamtlich erledigte Arbeit wieder zunichte machen?

Ganz besonders ärgerlich ist aber, dass auf die umfassende Expertise, die wir mit dem Heideverein​ mitten im Ort haben, nicht (mehr) zurückgegriffen wird, mittlerweile auch in anderen Angelegenheiten wie zB diversen Baumschlägerungen auf und rund um die Heide. Da wird nachgerade kopflos und ausgesprochen unprofessionell in sehr erfolgreiche Prozesse eingegriffen und das bisher Erreichte einfach zerstört. Diese Vorgehensweise muss sofort eingestellt und die bisherigen großartigen Bemühungen um den Erhalt unserer Naturschätze auch von den Verantwortlichen wieder ernsthaft aufgenommen werden!

Zwischenstand nach der Gemeinderatssitzung am 21. März 2018


Der Tagesordnungspunkt 28, wo es um die Aufhebung der Leinenpflicht gegangen ist, wurde in den Ausschuss zur nochmaligen Überprüfung verwiesen, vom Bürgermeister abschließend kommentiert mit: "Ich bin verpflichtet diesen Antrag dem Gemeinderat vorzulegen. Das ist hiermit geschehen."

Gleichzeitig wurde ebenfalls ein von uns eingebrachter Dringlichkeitsantrag zur Schaffung eines Drohnen-Flugverbotes auf der Perchtoldsdorfer Heide mit dringlichen bis positiven Kommentaren ​in den Ausschuss zur weiteren Bearbeitung verwiesen.

Der Antrag unter TOP 29 zur Aufhebung des Pachtvertrags am Hochberg blieb allerdings zur Abstimmung und wurde nach einem entlarvenden bis ernüchternden, kurzen Wortgefecht mit den Stimmen von ÖVP, SPÖ, NEOS, FPÖ beschlossen. Die Bürgerliste enthielt sich. Einzig wir Grünen haben mit voller Überzeugung dagegen gestimmt. Zum einen weil keine Nachfolgeregelung in Aussicht genommen wurde und sich zum anderen schon im Sachverhalt die Formulierung fand: dass "eine weitere Verlängerung der Beweidungsmaßnahmen auf den gegenständlichen Flächen von der Marktgemeinde Perchtoldsdorf als Verpächterin nicht angestrebt wird...", die auch in der Diskussion nicht zurückgenommen oder relativiert​, im Gegenteil von Gf GR Schmid sogar noch bekräftigt wurde.

Da ist noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. Wir bleiben jedenfalls dran!