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am 10. September

Die Wirtschaft und Corona

Friedrich Wegenstein - Covid19 hat gezeigt, wie verletzlich unsere Wirtschaft ist. Bei einer Gesundheitsgefährdung bricht der Konsum ein und wir kaufen nicht mehr das, was wir gerne hätten, sondern nur was wir tatsächlich brauchen. Nicht der Wunsch, sondern die Notwendigkeit bestimmt unser Verhalten.

Grenzen werden wieder hochgefahren. Der Reiseverkehr und der Tourismus reduzieren sich auf ein Minimum. Die Lieferketten funktionieren wegen der Unterbrechung der globalen Transportwege nicht mehr.

Junge Menschen, die bisher die reibungslose, unbeschränkte Verfügbarkeit für selbstverständlich hielten, beginnen ihre Sicht der Welt zu hinterfragen. Ältere Menschen gelten als besonders gefährdet und ziehen sich zunehmend zurück.

Die Infektionsraten werden auch weiterhin steigen und fallen. Auch nachdem ein Impfstoff verfügbar sein wird, braucht es noch Jahre bis zur Durchimpfung. Mutationen des Virus werden das Szenario vermutlich verändern. Die Wirtschaft steht erst am Anfang einer deflationären Entwicklung.

 

Die Arbeitslosigkeit steigt und trifft vor allem Frauen

Ende März 2020 lag die Zahl der Arbeitslosen mit rd. 504.000 Menschen um 65,7% über dem März des Vorjahres[1]​. Am 1.6.2020 waren 1,37 Mio. Arbeitsplätze von Kurzarbeit betroffen. Die Anzahl der Arbeitslosen ist zwar etwas gesunken – allerdings sind 85% davon Frauen[2]​.

Der Anstieg der Arbeitslosenquote betrug im besonders betroffenen Bereich Beherbergung und Gastronomie im März 2020 +178%[3]​ (12.2019: rd. 304.000 Arbeitnehmer[4]​). Auch in der Automobilindustrie sind die Umsätze eingebrochen: In Österreich hängen rd. 370.000 Arbeitsplätze an der Automobilwirtschaft[5]​.

Eine Unzahl von Wirtschaftsgütern wird entbehrlich. Die Anlässe einzukaufen sind weggefallen. Das führt zu Umsatzrückgängen, die einen weiteren Verlust an Arbeitsplätzen bedeuten. Daraus folgt ein weiterer Kaufkraftverlust, der die bereits vorliegende Reduktion des Konsums verstärkt.

Ebenso schwächt der globale Pandemieverlauf die lokale Wirtschaft. Die USA waren mit über 22% und China mit rd. 11%[6]​ aller Ausfuhren, die größten Exportmärkte der EU28.

Die Wirtschaft hat generelle Umsatzrückgänge sowohl auf den Auslands- wie auf den Inlandsmärkten, wie auch den Verlust der Marktgängigkeit einer Vielzahl von Produkten zu verkraften. Die Arbeitslosigkeit steigt weiter. Mit zeitlicher Verzögerung sperren zusätzlich jene Unternehmen zu, welche die notwendigen Mindestumsätze nicht mehr erreichen können. Der Strukturwandel und die Erholung der Wirtschaft werden Jahre dauern.

 

Die Abhängigkeit vom Import

Transport und Verkehr sind unverzichtbar, wenn jedes Wirtschaftsgut an jeden Ort der Erde zeitgerecht geliefert werden soll. Die Abhängigkeit vom Import wurde durch die Ausgangsbeschränkungen in China deutlich spürbar. Produkte z.B. der Pharmaindustrie, der IT-Industrie, der Telekommunikation kommen fast zu 100% aus Asien.

Schon bisher haben die Exportüberschüsse Chinas zu erheblichen Handelsbilanzdefiziten in USA geführt. Auch in der EU28 steht China mit knapp über 20% aller Importe an erster Stelle und verursachte 2019 ein enormes Handelsbilanzdefizit von rd. 195 Mrd. Euro[7]​.

Diese Abhängigkeit ist weder politisch noch wirtschaftlich sinnvoll. Nationale Egoismen, Krisen, Naturkatastrophen können jederzeit unserer Versorgung noch wirksamer als jetzt lahmlegen.

 

Der Umweltschutz entscheidet unsere Zukunft

Der Klimawandel führt zu immer schwereren Naturkatastrophen, die unsere biologischen Lebensgrundlagen gefährden aber ebenso unsere Wirtschaftsstruktur zerstören. Nicht nur Wälder verbrennen, landwirtschaftliche Flächen verlieren zunehmend an Fruchtbarkeit und auch Siedlungen, Produktionsbetriebe, Häfen, Bahnhöfe etc. sind von Bränden, Stürmen und Überschwemmungen bedroht.

Es ist Unsinn Umweltschutz als Hindernis der Wirtschaft anzusehen: Jede Zerstörung der Umwelt, jede Gefährdung der Lebensmittelversorgung, jede gesundheitliche Beeinträchtigung ist für den Staat und die Wirtschaft auf Dauer genauso bedrohlich, wie für den einzelnen Menschen.

Das bisherige Wachstums- und Gewinndenken hat allerdings zu einer unübersehbaren Umweltzerstörung, einem Raubbau an Ressourcen, zu einer maßlosen Verschuldung, zur Reduktion menschlicher Arbeit und zur erheblichen Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen geführt.

Wir werden in Zukunft mit weniger Konsum, mit weniger Verbrauch von Ressourcen und Umwelt und weniger Güterproduktion mehr Menschen sowohl mit den notwendigen Dingen des Lebens aber ebenso auch mit Arbeitsplätzen und Einkommen versorgen müssen[8]​.

Jede Wirtschaftsbelebung, die darauf abzielt die alte ressourcenverbrauchende und emissionenverursachende Wirtschaftsstruktur wiederherzustellen, ist daher verfehlt.

 

Wir müssen rasch handeln

Wir haben daher nicht eine, sondern mehrere Krisen zu lösen: Wir haben eine Pandemie, eine Wirtschaftskrise, die Arbeitslosigkeit sowie eine Umwelt- bzw. Klimakrise (verkürzt dargestellt) zu bewältigen. Dabei können wir nicht das Ende der Pandemie abwarten, denn diese wird uns noch länger begleiten. Zwischenzeitlich laufen wir Gefahr, dass die Betriebe zusperren, weil ihnen das Geld ausgeht.

Wir brauchen daher Lösungen, die eine Antwort auf möglichst alle Krisen gleichzeitig darstellt: Eine ressourcenschonende, CO2 neutrale Kreislaufwirtschaft, die mit neuen Wirtschaftsgütern neue Arbeitsplätze generiert und zu einer wirtschaftlichen und politischen Unabhängigkeit (im Rahmen der EU) führt.

 

Grüne Wirtschaftspolitik

Die Pandemie führte anfangs zu einer Schockstarre. Für die Wirtschaft ist dieser Zustand das größte Problem. In Anbetracht der zu erwartenden Dauer müssen wir lernen mit der Pandemie umzugehen und Vorsicht sowie Hygienemaßnahmen nicht nur anlassbezogen, sondern immer einzuhalten. Nur so werden wir das wirtschaftliche Leben weiter ermöglichen können. Je schneller wir uns daran gewöhnen, desto geringer werden wir dadurch beeinträchtigt.

Inhaltlich müssen wir das Nützliche mit dem Notwendigen verbinden. CO2-Neutralität und Kreislaufwirtschaft erfordert Forschung und Entwicklung, neues Know-How und neue Technologien. Daraus folgen neue Produkte, die weltweit in Zukunft nachgefragt werden. Es gilt keine Zeit mit der Trauer um alte Wirtschaftsstrukturen zu verlieren, sondern die Chance zu wahren unseren ökologischen Fußabdruck zu minimieren und durch frühzeitiges Handeln diese zukünftige Technologie sowie die daraus resultierende Wirtschaftsstruktur zu gestalten.  

 

  • Forschungsinitiative Kreislaufwirtschaft und Recycling

Viele reden davon, aber was bedeutet es so zu leben, dass auch die kommenden Generationen zumindest weitestgehend gleiche Lebensgrundlagen vorfinden? Wie funktioniert eine Wirtschaft, welche die Umwelt wirklich nicht belastet? Wie können wir die Selbstregelungs- und Selbsterhaltungsmechanismen der Evolution auf unser Leben anwenden? Der Referenzplan österreichischer Universitäten[9]​ kann dazu die Vorgaben liefern. Die naturwissenschaftlichen Notwendigkeiten müssen in neue technische Lösungen und diese in die Wirtschaftsstruktur implementiert werden. Dabei gilt es die Prozesse der Wirtschaftsgüter vom Rohstoff, über die Konstruktion, Produktion und Nutzung bis zum Recycling als Kreislauf zu konzipieren.

Aus der Erforschung dieser Fragen resultiert ein anderes Selbstverständnis, ein anderes Konsumverhalten, andere Produkte und eine sich in das evolutionäre Leben eingliedernde Wirtschaft.

 

  • Die Umweltverträglichkeitsabgabe

Es gilt alle Kosten der Emissionen, des Recycling, der umweltfreundlichen Produktionstechniken, der CO2 Rückgewinnung, der nachhaltigen Energiegewinnung etc. in die tatsächlichen Konsumentenpreise einzurechnen. Solange die Wirtschaftsgüter unterschiedlich umweltverträglich sind, muss die Unverträglichkeit durch höhere Kosten erkennbar sein[10]​. Zu diesem Zweck braucht es eine Umweltverträglichkeitsprüfung für alle Produkte und Dienstleistungen. Diese analysiert das Ausmaß der Unverträglichkeit und setzt demgemäß die Höhe einer Umweltverträglichkeitsabgabe fest.

Diese „Korrektur“ der tatsächlichen Kosten ist besonders beim Transport wichtig. Das Konzept einer CO2-Steuer ist zu einseitig und kann z.B. die indirekten Emissionswirkungen oder von der Öffentlichkeit zu tragende Umweltkosten nicht erfassen.

Die aus dieser Lenkungsabgabe resultierenden Mittel sind zweckgebunden, zur Förderung der Erforschung der Kreislaufwirtschaft, des Recycling und zur Stützung der Preise von umweltverträglichen Produkten, einzusetzen. So können umweltfreundliche Produkte deutlich konkurrenzfähiger, als weniger umweltfreundliche Produkte werden.


  • Nachhaltig Wirtschaften

Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet, dass alles was wir der Umwelt entnehmen auch zeitnah, in gleicher Qualität und Quantität (in gleicher Bioverfügbarkeit), dieser Umwelt auch wieder zurückzugeben. Ausnahme ist lediglich scheinbar Unverbrauchbares, wie Sonnenenergie oder Schwerkraft.

Nachhaltig Wirtschaften beinhaltet aber auch soziale Nachhaltigkeit - den Menschen nachhaltig Arbeit und ausreichend Einkommen zu ermöglichen.

Für die Gesellschaft gilt es die Umwelt vor Zerstörung, Emissionen, Erwärmung, Dürre, Überschwemmung als auch Stürme zu schützen sowie die Umstellung zur Nachhaltigkeit im Bereich Landwirtschaft, Produktion, Transport, Bauen und Energiegewinnung zu fördern. Wir brauchen biologisch hergestellte Lebensmittel, Recyclingtechniken[11]​, langlebige und reparaturfreundliche Wirtschaftsgüter[12]​, energiesparendes Bauen, nachhaltiges Heizen, sanierte Altbauten, umweltneutrale Energie, nachhaltige Standortpolitik und Flächenwidmung, sinnvolle Arbeit und gerechte Einkommen etc. Im Bereich Umwelt ist auch hier der oben genannte Referenzplan (Ref-NEKP) Maßstab. Der Verbraucher trägt mit seinem Konsumverhalten dabei die größte Verantwortung: Sein Einkauf entscheidet, wie rasch sich die Produkte der nachhaltigen Wirtschaft durchsetzen können: „In Wirklichkeit ist nichts billig und alles wertvoll.“[13]

 

  • Umweltprotektionismus und Unabhängigkeit bei sensiblen Produkten

Importieren wir Wirtschaftsgüter, deren Erzeugung unseren Umwelt- oder Sozialstandards nicht entsprechen, unterlaufen wir unsere eigenen Bemühungen unsere Wirtschaftsstrukturen auf nachhaltige Methoden und Produkte umzustellen[14]​. In der Handelspolitik können daher nur jene Waren zum Import zugelassen werden, welche im Einklang mit den inländischen Vorschriften für die Herstellung oder den Transport produziert werden.

Zusätzlich sind Waren, die Abhängigkeiten verursachen und zu Versorgungsengpässen führen können, im Inland bzw. in der EU zu produzieren. Beide Maßnahmen schützen unsere umweltverträglichen Produkte und holen Arbeitsplätze wieder zurück.


  • Arbeitszeitverkürzung und Förderungen von Arbeitsplätzen für Frauen

Arbeit wurde bereits vor Covid19 ein knappes Gut. Digitalisierung und Mechanisierung verstärken diesen Trend. Für sich selbst sorgen zu können, ist aber wesentlicher Teil des Selbstbewusstseins und der Eigenverantwortung[15]​. Arbeit ist daher Voraussetzung für die/den selbstverantwortliche/n Bürger*in einer Demokratie, als auch für die Gleichberechtigung der Frauen. Wird die Arbeit knapp, muss sie daher aufgeteilt werden. Würde und Gerechtigkeit begründen das Menschenrecht auf Arbeit.

 

Wir erleben zur Zeit Krisen auf mehreren Ebenen. Jede dieser Ebene ist wichtig. Menschen brauchen ihre Umwelt ebenso wie die Wirtschaft. Die Lösung unserer Probleme liegt daher nicht im Entweder-oder sondern in der Harmonisierung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und umweltbedingten Notwendigkeiten.



[1]​ AMS, Zum Arbeitsmarkt, März 2020, Seite 2

[2]​ APA Grafik, Krone 14.7.2020, 85 Prozent aller Corona-Arbeitslosen sind Frauen

[3]​ AMS, Zum Arbeitsmarkt, März 2020, Seite 4

[4]​ WKO Statistik, Unselbständig Beschäftigte Dezember 2019 (Tourismus und Freizeitwirtschaft)

[5]​ Erste Bank, Die Österr. Automobilwirtschaft in Zahlen, 8.9.2017

[6]​ Wert 2019; https://madb.europa.eu/madb/statistical_form.htm

[7]https://madb.europa.eu/madb/statistical_form.htm

[8]​ Knapp Wertvoll Sparsam, Wirtschaftswachstum ist kein Fortschritt, Friedrich Wegenstein, 2019, Seite 236

[9]https://ccca.ac.at/wissenstransfer/uninetz-sdg-13/referenz-nationaler-klima-und-energieplan-ref-nekp

[10]​ Knapp Wertvoll Sparsam, Wirtschaftswachstum ist kein Fortschritt, Friedrich Wegenstein, 2019, Seite 219

[11]​ ebendort, Seite 204

[12]​ ebendort, Seite 201

[13]​ ebendort, Seite 182

[14]​ Knapp Wertvoll Sparsam, Wirtschaftswachstum ist kein Fortschritt, Friedrich Wegenstein, 2019, Seite 197

[15]​ ebendort, Seite 145, Seite 215 und 224